Wort des Tages | Geistliche Impulse | Andachten

Wort des Tages [Kirchenkreis Halle]

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Predigt zur Einführung von Pfarrerin Becker | 16. August 2020 10. Sonntag nach Trinitatis

Predigt zur Einführung am 16.08.2020 - 10. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Anne-Kathrin Becker
Markus 12, 28-34

Aus welcher Vollmacht tust du das?
Wer hat dir diese Macht gegeben?
War die Taufe des Johannes vom Himmel oder vom Menschen?
Ist es recht, dass man dem Kaiser Steuern zahlt oder nicht?
Sollen wir sie zahlen oder nicht?
Wie ist das mit der Auferstehung?
Wessen Frau ist eine Frau nach der Auferstehung, wenn sie nach dem Tod ihres Mannes noch einen anderen Mann geheiratet hat?

Fast eine ganze Stunde geht das jetzt schon so. Hin und Her. Her und hin. Eine Frage jagt die nächste. Ja, sie zischen nur so durch die Luft, die Fragen. Es geht um Vollmacht, die Steuer, Auferstehung und Vieles mehr. Die anderen wirken aufgebracht und feindselig auf mich. Wollen Jesus herausfordern, reinreiten, hinhängen, bloßstellen. Doch er – er ist ganz ruhig. Steht Rede und Antwort. Drückt sich nicht. Begegnet ihren Fragen ernsthaft. Beeindruckend. Erkennt sich gut aus in der Thora. Er weiß über sie alle Bescheid, die 248 Gebote und 365 Verbote. Er ist ein guter Gesprächspartner.

Ich möchte ihm diese Frage stellen, die Frage aller Fragen. Ich möchte hören, was er dazu sagt. Ja, die Frage, sie brennt mir unter den Nägeln. Doch ich komme gar nicht dazwischen. – Jetzt. Jetzt wäre es gut. Ich muss vortreten, sonst nimmt er mich nicht wahr. Einfach heraus: Welches ist das höchste Gebot von allen? Er hat es gehört. Er dreht sich zu mir um. Und er antwortet. Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft". Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst". Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

Liebe Gemeinde,
Jesus ist gefragt. Von allen Seiten kommen sie auf ihn zu, um ihn herauszufordern, ihn aufs Glatteis zu führen. Gerade erst ist er mit seinen Jüngern in Jerusalem angekommen. Sie besuchen den Tempel und Jesus wird in Streitgespräche verwickelt. Alle möglichen Fragen prasseln auf ihn ein. Heftig, zischend, ausdauernd, angreifend. Doch dann kommt einer von den Schriftgelehrten, einer mit echter Gesprächsabsicht, und stellt die Frage nach dem höchsten Gebot. Die Frage aller Fragen. Die Frage nach der Mitte der Thora, wie sie damals immer wieder gestellt wurde.

Lassen Sie uns hören auf das Gespräch zwischen Jesus und dem jüdischen Schriftgelehrten, wie Markus es im 12. Kapitel seines Evangeliums überliefert:
28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: "Höre, Israel, der Herr,unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft" (5.Mose 6,4-5). 31 Das andre ist dies: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Markus schildert als einziger Evangelist hier ein echtes Gespräch auf Augenhöhe, keins, das Jesus aufs Glatteis führt wie die vorausgegangenen Streitereien. Das Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten ermöglicht ein tiefes Verständnis zwischen den beiden und betont die gemeinsame Grundlage des jüdischen und christlichen Glaubens. Auf die Frage des Schriftgelehrten nach dem höchsten Gebot antwortet Jesus zunächst mit dem Text aus 5. Mose 6, den jeder gläubige Jude kennt: "Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft". Er ergänzt ihn durch das Gebot der Nächsten- und Selbstliebe aus 3. Mose 19. Der Schriftgelehrte seinerseits nimmt Jesu Antwort auf und betont,dass in diesen Geboten Gottes Wille deutlich wird. Jesus zeigt sich einig mit ihm und setzt ihn in Beziehung zu seiner zentralen Botschaft des kommenden Reiches Gottes. Damit bringt er die beiden einander näher und die Umstehenden zum Schweigen.

Liebe Gemeinde,
Jesus ist gefragt. Und er antwortet. Das höchste Gebot ist die Liebe zu Gott, dem Nächsten und mir selbst. Nach den heftigen Diskussionen um so viel Wichtiges scheint Jesu Antwort auf diese Frage aller Fragen irgendwie einfach, ja fast banal. Seine Antwort, die Liebe sei das höchste Gut, ist nichts, was aufhorchen lässt, was vom Hocker reißt. Die Liebe. Ein bisschen origineller hätte sie schon sein können, Jesu Antwort, oder?

Doch es kann sicherlich nicht schaden, noch einmal hinzuschauen auf das, was uns einfach und bekannt, ja fast banal vorkommt. Was genau ist damit gemeint, dass Jesus uns aufträgt, Gott zu lieben und den Nächsten wie uns selbst?

Zuerst einmal fällt auf, dass Jesus die Gottesliebe, die Nächstenliebe und die Selbstliebe hier in einem Atemzug nennt. Sie sind nicht ohne einander zu leben. Für mich bedeutet das, dass ich Gott und meinen Nächsten nur lieben kann, wenn ich mich selbst akzeptiere, wie ich bin, mitmeinen Stärken und mit meinen Schwächen, mit meinen Möglichkeiten und mit meinen Grenzen. Wenn ich nicht nur das in meinem Leben schätze, was gut läuft, sondern auch das annehmen kann, was schwierig ist, wo ich scheitere, was ich nicht gut kann, was nicht rund läuft. Denn gerade das ist gar nicht so einfach. Ich erlebe, dass manches, wo ich viel Zeit und Kraft hineingesteckt habe, nicht die Frucht bringt, die ich mir erhofft habe. Ich erlebe, dass ich weniger musikalisches Talent mitbekommen habe als andere. Ich erlebe, dass ich Freundschaften, die einmal eng und ausdauernd schienen, nicht halten kann. Das ist schwer zu akzeptieren. Doch Selbstliebe bedeutet, dass ich diese Dinge nehme, wie sie sind, mich nehme,wie ich bin, ohne mich dabei in die andere Richtung zu verrennen und eine völlig egoistische Zentriertheit zu leben.

Als zweites nennt Jesus die Nächstenliebe. Sie ist uns vertraut. Wissen wir doch, wie wichtig es ist, einander zu helfen, unserem Nächsten zu dienen und diakonisch tätig zu sein. Das gehört quasi zum Profil eines jeden Christen. Doch in diesem Text steckt noch mehr. Jesu Verhalten zeigt, dass Nächstenliebe auch bedeutet, mich nicht zu drücken, sondern mein Gegenüber mit seinen Fragen ernst zu nehmen und mich dem, was ihn beschäftigt, zu stellen. Keine unangenehmen Fragen zu scheuen oder mit einfachen Antworten herauszureden, sondern auch dort mit dem anderen hinschauen, wo es herausfordernd ist und keine einfachen Antworten zu finden sind. Nächstenliebe bedeutet dann, das mit meinem Nächsten durchzustehen, was ihm zu schaffen macht, ihn ernst zu nehmen mit allem, was ihn bewegt. Genau hinzuhören, wahrhaftig zuzuhören, mich ernsthaft für die Fragen meines Gegenübers zu interessieren, mit ihm um Antworten zu ringen und dadurch ein echter Gesprächspartner auf Augenhöhe sein.

Und drittens geht es Jesus noch um die Liebe zu Gott. Gott zu lieben bedeutet für mich, ihm nahe zu sein und ihn an allen Bereichen meines Lebens teilhaben zu lassen. Ihm die Möglichkeit zu geben, mit mir jeden Tag neu in Beziehung zu treten, mit seiner Zuwendung und Hilfe zu rechnen und diese auch anzunehmen. Ihn im Gebet, im Gottesdienst und im täglichen Gespräch nahe zu sein und somit als wichtigsten Teil meines Lebens wertzuschätzen.

Die Liebe zu Gott, meinem Nächsten und mir selbst ist also fest miteinander verbunden und soll im Gleichgewicht gelebt werden. Und ich finde es beruhigend und tröstlich, dass Gott selbst uns zu dieser Liebe befähigt. Seine Geschichte mit den Menschen macht deutlich, dass er uns zuerst geliebt hat. In Jesu Leben ist diese Liebe sichtbar geworden. Er hat sie in Radikalität gelebt, als er sich den Verachteten und Ausgestoßenen der Gesellschaft vorbehaltlos zuwandte. Er hat niemanden im Stich gelassen, sich nie aus der Verantwortung gezogen, vor nichts die Augen verschlossen. Seine Liebe befähigt uns dazu, uns selbst, andere und auch ihn zu lieben. Wenn wir die Liebe Gottes zulassen und am eigenen Leib erfahren, wie es ist, geliebt zu werden, können auch wir uns der Liebe stellen.

Die Liebe ist also keineswegs banal, sondern ein großes Geschenk. Indem wir uns von Gott lieben lassen, können wir uns selbst akzeptieren, wie wir sind, einander lieben und füreinander da sein, aber auch Gottes Liebe antworten. Es ist tröstlich, dass Gott uns zuerst seine Liebe erwiesen hat, bevor wir selbst anfangen konnten zu lieben. Er hat uns mit all dem ausgestattet,was wir zum lieben brauchen. Seine Liebe ist eine Gabe und eine Aufgabe für unser ganzes Leben.

Liebe Gemeinde,Jesus ist gefragt. Und er antwortet. Auch wir sind gefragt, tagtäglich. Vielleicht sind die Fragen unserer Zeit andere als die zur Zeit Jesu. Aber wer gefragt ist, der sollte auch antworten. Stellen wir uns also den Fragen unserer Zeit, den Fragen, die uns bewegen, den Fragen, die andere an uns stellen, den Fragen, die unseren Nächsten den Schlaf rauben. Seien wir echte Gesprächspartner auf Augenhöhe und stehlen uns nicht aus der Verantwortung. Jesu Antwort hilft uns dabei. Sie verweist auf die gemeinsame Grundlage des jüdischen und christlichen Glaubens in einer Zeit, in der wieder öfter antisemitische Äußerungen und Handlungen wie in der Synagoge in Halle/Saale passieren, und gibt uns eine Richtung vor bei allem, was wir tun: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzemGemüt und mit all deiner Kraft. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Amen.

Pfarrerin Anne-Kathrin Becker

Anne-Kathrin Becker

Pfarrerin 1. Pfarrbezirk 

Tel. 0 52 04 / 92 49 26 1
Mobil 01512 / 72 57 63 6
anne-kathrin.beckerdontospamme@gowaway.kirche-steinhagen.de 

Biblischer Impuls 26. Juli 2020, 7. Sonntag nach Trinitatis

"Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern soll bestehen bleiben. Vergesst aber auch die Gastfreundschaft nicht. Denn auf diese Weise haben schon manche, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen. Denkt an die Gefangenen, als ob ihr mit ihnen im Gefängnis wärt. Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem Körper."

(Aus dem Brief an die Hebräer, Kapitel 13, Verse 1-3)

 

Der Hebräer-„brief“ ist weniger ein Brief, als eher eine predigtartige Abhandlung, deren Verfasser wie auch deren Adressaten uns unbekannt bleiben. Er richtet sich an eine Gemeinde, deren Glauben „schwächelt“, vielleicht, weil die erwartete Wiederkunft Christi noch immer nicht stattgefunden hat.
Auch deshalb werden den LeserInnen im letzten Kapitel Ermahnungen mit auf den Weg gegeben.  Der Verfasser erinnert sie an das, was für Christen in einer Gemeinde wesentlich ist und was sie ausmacht.
Er erinnert sie an die Liebe, mit der sie sich als Schwestern und Brüder in ihrer Gemeinde begegnen sollen.
Er weist sie hin auf die Gastfreundschaft, mit der sie die aufnehmen sollen, die von außen hereinkommen.
Und es geht um Solidarität und Mitgefühl mit denen, die sich in Gefangenschaft befinden oder die Misshandlungen erlitten haben oder noch erleiden. 

"Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Denken und aus deiner ganzen Kraft. Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Das, sagt Jesus, seien die beiden wichtigsten Gebote, und größer sei kein anderes.
Diese beiden Gebote gelten für den Umgang miteinander innerhalb der Gemeinde. Aber sie gelten ebenso in der Begegnung mit Fremden, die zu uns kommen, die anders sind als wir, die anders leben und anders glauben.

Die Arbeitsstelle für Mission, Ökumene und Weltverantwortung ("MÖWe") hat unter dem Thema "Kirche und Migration" Material für den Gottesdienst an diesem Sonntag veröffentlicht. Wie begegnen wir fremden Menschen bei uns?
Wie begegnen wir geflüchteten Menschen, die aus fernen Ländern und uns fremden Kulturen hierher zu uns kommen auf der Suche nach Schutz, Sicherheit und einer Zukunftsperspektive?
Als 2015 eine sehr große Anzahl von Menschen nach Europa drängte und bei uns in Deutschland aufgenommen zu werden hoffte, hat das sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.
Viele haben sich engagiert und eine Willkommenskultur gepflegt. Sie wollten den Menschen, die als Fremde zu uns kamen, zeigen: Ihr seid willkommen ! Wir nehmen euch gern an und auf. 

Andere reagierten mit mehr oder minder deutlich geäußerter Ablehnung. So viele Flüchtlinge in Deutschland empfanden sie als eine zu große Belastung. Sie fürchteten – und fürchten – eine Überfremdung unseres Landes.
Und nicht zuletzt gab und gibt es rechtsradikale Hetze gegenüber den Geflüchteten, gegenüber Fremde überhaupt.
Als Kirchen, als Christen sind wir herausgefordert, uns in einer solchen Situation klar zu positionieren.

In 2. Mose 23 lesen wir:

"Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken. Ihr wisst, wie dem Fremdling zumute ist; seid ihr doch selbst auch Fremdlinge gewesen im Land Ägypten."

In Matthäus 25:

"Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan."

Das meint: Wenn uns Menschen begegnen, die unseren Beistand, unsere Hilfe, unsere Solidarität brauchen, dann sind das nicht nur diese Menschen, sondern in ihnen begegnet uns Jesus, in ihnen begegnet uns Gott selbst.

"Schon manche haben, ohne es zu wissen, Engel als Gäste aufgenommen."

Das erinnert an die Geschichte von Abraham, der drei fremde Männer bewirtet, die zu ihm kommen (1. Mose 18). Erst später stellt sich heraus, dass er hier Gott selbst bzw. seine Boten bei sich aufgenommen hat. 

In den Evangelien wird immer wieder erzählt, dass Jesus mit Menschen zusammenkam, um mit ihnen zu essen und zu trinken, mit ihnen zu reden und Feste zu feiern. Bei solchen Gelegenheiten erlebten Menschen Gemeinschaft, erlebten sie, was es bedeutet, dabei zu sein, dazuzugehören, nicht mehr abseits zu stehen. Jesus teilte Fische, Brot und Wein mit allen, die da waren, ohne zu fragen: Wer bist du, und wollen wir dich hier dabei haben?

Sind wir eine gastfreundliche, offene Kirche? Sind wir eine gastfreundliche, offene Gemeinde? Hier und da gelingt uns das sicher, aber für Außenstehende, für Fremde ist es sicher nicht leicht, Anschluss zu finden und dazuzugehören.
Gott lädt alle Menschen ein, gleich welcher Herkunft, welcher Hautfarbe, welcher Sprache sie auch sein mögen. Die Liebe, mit der sich Gott uns zuwendet, die gilt allen Menschen, allen Geschöpfen. Und das deutlich zu machen in unserem Verhalten, in unserer Haltung gegenüber den Menschen in unseren Gemeinden, aber eben auch gegenüber Fremden, denen, die weit draußen stehen, den Gefangenen und Misshandelten, gegenüber denen, die keiner haben will, dazu werden wir hier aufgerufen. Vor diese Herausforderung sind wir gestellt. 

Petra Isringhausen

Petra Isringhausen

Pfarrerin i.E.

Tel.: 05 21 / 87 48 47
petra.isringhausendontospamme@gowaway.kirche-steinhagen.de

Geistlicher Impuls 19. Juli 2020, 6. Sonntag nach Trinitatis

Aus der Predigt von Pfarrerin Dagmar Schröder

"So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied
hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
so halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete,
dass du danach tust."

5. Mose 7, 9+11

Regeln einhalten - ein großes Thema in diesen Wochen. Abstandsregeln. Kontaktbeschränkungen. Ausreisesperren. Viele tun sich schwer damit. Pubertierenden Jugendlichen gleich ist da ein Bestreben, die Einhaltung von Regeln zu umgehen, die gesteckten Grenzen auszuweiten, andere auszutricksen. Ein Armutszeugnis ist das für die Solidarität in unserer Gesellschaft. Beschämend die maßlos Feiernden in einem Land, das so viele Pandemie-Opfer zu betrauern hat.

Lange war leitend, was das große ICH will. Auch in der Erziehung. Anderes hatte sich dem ICH unterzuordnen.
Regeln schützen das Ich und das Wir. Regeln wollen helfen, dass es gut und gerecht zugeht. Dass niemand auf der Strecke bleibt.

Regeln für ein Leben in Freiheit – so werden die 10 Gebote manchmal genannt.
Dem Volk Israel mit auf den Weg gegeben nach der Flucht aus Ägypten, der Befreiung aus der Sklaverei. Regeln für ein gelingendes Zusammenleben im eigenen Land.
Grundlegende Gebote sind das. Bewahrt und weiter gegeben wirken sie bis heute.
Über das Volk Israel hinaus. Konfirmandinnen und Konfirmanden lernen sie.
Und auch manche der Menschen, die ansonsten nicht viel mit Kirche im Sinn haben, orientieren sich in ihrer Lebensführung an den 10 Geboten.

Allerdings wird heutzutage gerne geschaut, was einem in den Kram passt und was nicht.
"Du sollst den Feiertag heiligen" – Gott die Ehre geben, im Gottesdienst die Begegnung mit Gottes Wort suchen, sonntags die Arbeit ruhen lassen – dieses Gebot wird von Vielen nicht sehr ernst genommen. "Du sollst nicht ehebrechen" – da wird dagegen gehalten: das machen doch alle.

Scheinbar hat es ja keine Konsequenzen, ob die Regeln eingehalten werden oder nicht. Scheinbar. Denn es macht etwas mit mir und dem Miteinander. Es hat Auswirkungen auf meine Beziehung zu Gott.

Nach dem Zeugnis der Bibel geht Gott eine liebevolle Beziehung ein. Gottes Liebe ist so unendlich groß, dass auch für uns etwas übrig bleibt. Israel bleibt Gottes geliebtes und erwähltes Volk. Doch auch uns anderen hat Gott das Leben geschenkt. Und Gott schenkt auch uns seine Liebe. Gott will eine Beziehung zu uns und mit uns haben.

Gott bindet sich an die Menschen.
Das gibt uns Halt.
Das gibt unserem Leben Richtung und Ziel.
Wir können uns auf Gott verlassen.

Wenn wir uns an Gottes Wort und Gebot halten, bleiben wir in der Liebe, die von Gott kommt. Gottes Liebe bringt zudem seine geliebten Kinder zusammen. Dass wir zu Gott gehören, soll sich zeigen: an unserer Art zu leben; dass auch wir Gott die Treue halten. Im Halten der Gebote soll sich zeigen, wer zu Gott gehört.

Durch die Taufe wurden wir Gott in die Hände gelegt und ans Herz. Und mit Jesus Christus werden wir auf den Weg des Reiches Gottes geschickt. Zu einem Leben in der Liebe. Zu einem Leben in Freiheit.

Regeln und Gebote werden womöglich als Einengung der Freiheit wahrgenommen. Mit den Augen der Liebe betrachtet schützen sie die Schwachen, die Gerechtigkeit, die Solidarität. Sie schützen uns womöglich auch vor uns selbst – vor Unbedachtsamkeit und Gottvergessenheit. 

Durch die Pandemie und die Notwendigkeit, sich zum Schutz vor Infektion zurückzuziehen, ist weltweit das Gemeinschaftliche ins Hintertreffen geraten. Impfstoff und Medikamente für alle – oder für die, die sich den Zugriff mit Geld erkaufen, oder die Erkenntnisse ausspionieren und stehlen?

Gemeinsam dafür sorgen, dass Kranke Behandlung und Hilfe bekommen – oder Fördermittel abgreifen und für die Sanierung der eigenen Kassen einsetzen?

Schulden gemeinsam tragen – diejenigen entlasten, die wenig haben und andere belasten, die mehr als genug haben – oder soll jeder zusehen, wo er bleibt?

Den Alltag gemeinsam neu regeln – oder die Frauen damit allein lassen, Beruf und Familie, Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut zu bringen?

Zieht digital davon, wer sich technische Ausstattung leisten kann – und es bleiben die auf der Strecke, die hier nicht  mitmachen können oder wollen?

Finden wir eines Tages zurück zu persönlichen Begegnungen in der Gemeinde – mit Freude, gemeinschaftlich Gottesdienste zu feiern oder als Gruppe zusammen zu kommen – oder bleibt jeder und jede mit sich allein – am Bildschirm oder Telefon?

Die Liebe sieht nicht nur, was vor Augen ist. Die Liebe sieht ins Herz. Und sie schaut mit dem Herzen. Die Liebe kann warten, bleibt in Sehnsucht auf die gemeinsame Zukunft ausgerichtet. 

Gott, wir danken dir, für deine Liebe und für deine Barmherzigkeit. Du schenkst sie uns ohne Vorbedingung. Das gibt uns Halt. Das richtet uns auf. Das macht unsere Liebe stark.

Hilf uns, den Blick wieder neu auf dich und deine Liebe zu richten. Hilf uns, deine Barmherzigkeit anzunehmen und barmherzig mit uns selbst zu sein. Erfülle uns mit deiner Liebe, so dass wir daraus schöpfen können, um sie weiter zu geben. Amen.

Dagmar Schröder

Pfarrerin 2. Pfarrbezirk 

Tel. 0 52 04 / 46 79
dagmar.schroederdontospamme@gowaway.kirche-steinhagen.de

Wort zum Sonntag 19. Juli 2020, 6. Sonntag nach Trinitatis

Neulich habe ich eine alte Postkarte wiedergefunden: „Was die Welt braucht, sind ein paar verrückte Menschen, denn schaut an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“ Ich musste schmunzeln, denn ich erinnerte mich sofort an diesen Spruch von George Bernard Shaw: Als ich noch Studentin war, hing diese Karte an meiner Pinwand.

Der passt heute auch ziemlich gut – finde ich! Denn ich höre immer mehr, dass wir in „verrückten Zeiten“ leben. Stimmt! – denke ich mir dann, weil trotz aller Bemühungen um ein „normales Leben“ und eine „normale Sommerzeit“ wir eben nicht „normal“ leben.

Ich war ja schon immer der Meinung, dass „normal“ nur das andere Wort für „langweilig“ ist: Immer alles nach „Schema F“ erledigen! Bloß keine Fehler machen – und vom Prinzip abweichen – dann kommt alles durcheinander! Ein bisschen „Verrücktsein“ – oder wenigstens „chaotisch“ – das können wir ganz gut gebrauchen: In der Kirche und genauso in der Gesellschaft.

Ich meine: Auch die ersten Jünger Jesu waren eher vom Typ her „verrückt“. Von Petrus zum Beispiel und seinem Bruder Andreas und seinen beiden Freunden Jakobus und Johannes wird erzählt, dass sie nach dem größten beruflichen Erfolg als Fischer, Boote, Netze, Familie, das Land verlassen haben um Jesus nachzufolgen. Der materielle Erfolg zählt nicht – Ihnen war in der Begegnung mit Jesus etwas anderes wichtig: Die Begegnung mit Gott. Die Erfahrung, dass die Fülle des Lebens mehr ist als Kariere, Geld, Leistung und Erfolg.

„Sie verließen alles und folgten ihm nach.“ (Lukas 5,11) – das waren Verrückte, die unsere Welt heute braucht.

Als Christen sollten wir uns an ihnen ein Beispiel nehmen – öfter mal querdenken – anders handeln – überhaupt weniger nach „Schema F“ leben. Denn wir haben eine Orientierung an dem, der uns alle lehrt: „Du sollst den Herrn Deinen Gott lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit aller Kraft und aller Vernunft und Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“

In diesem Sinne – lasst uns in diesen verrückten Corona Zeiten jene Menschen sein, die mit dieser Orientierung positiv und verrückt sind.

 

Ihre Pastorin Kirsten Schumann, Steinhagen

Kirsten Schumann

Foto von Pfarrerin Kirsten Schumann

Pfarrerin 3. Pfarrbezirk 

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Geistlicher Impuls zum 12. Juli 2020

Lukas 5,1-11: Der große Fischzug von Petrus

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. 2 Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. 4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. 8 Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. 11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Nachgedacht: „Fahre hinaus, wo es tief ist…“

Diese Berufungsgeschichte von Petrus hat viele Andeutungen – Und eine Zeitansage für unsere Kirche in der heutigen Situation. Ich nehme einen solchen Andeutungssatz heraus – Christus sagt zu Simon Petrus: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft dort Eure Netze zum Fang aus.“ Simon Petrus erhebt zwar den Einwand, dass sie die ganze Nacht nichts gefangen hätten – stimmt aber letztlich zu: „Auf Dein Wort hin will ich die Netze (erneut) auswerfen.“

Im Jahr 2019 sind insgesamt weitere 270.000 Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten – etwas mehr noch aus der katholischen Kirche: Also mehr als eine halbe Million Menschen haben sich entschlossen aus einer der beiden großen Kirchen auszutreten. Bundesweit gehören nur noch 52% entweder der evangelischen oder der katholischen Kirche an.

So stelle ich mir heute eine erfolglose Nacht als Menschenfischer vor: 2019 – schon lange vor Corona - ist die Kirche Jesu Christi hier in Deutschland für viele Menschen irrelevant geworden. Die öffentlichen Reaktionen beider Kirchenleitungen und verschiedener TheologInnen Und Journalisten schwanken zwischen Ratlosigkeit – Enttäuschung und hoffnungsvoller Aufbruchrethorik. Vor allem die jungen Menschen zwischen 20-25 Jahren schreiben der Ihnen veraltet erscheinenden Kirche ins Stammbuch: „Ich jedenfalls brauche diese Kirche nicht!“

Enthält das Evangelium vom großen Fischzug des Petrus eine Perspektive für diese erfolglose Menschenfischer Nachfolge?

„Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft dort Eure Netze zum Fang aus.“ – für mich heißt das: „Versucht es doch mal dort, wo Ihr es noch nie versucht habt! Wo Ihr das Gelände noch nicht kennt! DA eben wo das Wasser tief ist! Versucht es mit neuen, kreativen Methoden – auf unbekannten Wegen – vielleicht auch mit digitalen Mitteln – und vielleicht mit dem, was Simon Petrus hier zeigt: Mit Vertrauen, das sich einlässst auf das tiefe Wasser – denn schließlich „verlassen sie alles und folgen IHM nach“

Glaube und mit ihm die Kirche lebt vom Aufbruch – gemeinsam! Petrus hat am Ende seinen Bruder Andreas, und die beiden Söhne des Zebedäus Johannes und Jakobus, mit an seiner Seite als Jünger Jesu. Es ist nicht nur einer alleine, der aufbricht in das tiefe Gewässer, um Menschenfischer zu werden.

Ein Aufbruch mit Vertrauen, der sich lohnt, denn er hat seinen Grund in der Anwesenheit Christi in ihrer Mitte: „Fürchte Dich nicht!“ – spricht Christus zu ihnen – und zu uns! Denn das, was wir in dieser Nachfolge lernen wird uns die Augen öffnen und an Ausstrahlung hinzugewinnen.

Es liegt an uns: Ob es bloße Sonntagsrethorik einer Predigt bleibt, die uns hier zum Aufbruch ruft – oder ob es ein Berufungserlebnis wird,  wie für Petrus und die anderen.

„Herr, auf Dein Wort hin will ich erneut die Netze auswerfen – da, wo das Wasser tief ist.“ Amen. 

Wochenspruch

Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.

Epheser 2, Vers 8

Kirsten Schumann

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Geistlicher Impuls zum 5. Juli 2020

Nachgedacht: Über ein Leben ohne Sorgen…

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. 

 

Meine Schwestern und Brüder,

Urlaub und Sommerferien – das ist der Inbegriff von Sorglosigkeit – Zeit haben – die Seele baumeln lassen.

Kein Wunder, dass zur Zeit alle so hektisch und aufgeregt und auch aggressiv reagieren, weil uns aus dem Kreis Gütersloh will ja zur Zeit keiner bei sich haben: Kaum eine Stunde im Laufe eines Tages, wo mir nicht jemand erzählt oder schreibt oder postet, was jetzt schon wieder schlimmes mit Gütersloher Bürgern oder Autos passiert ist: Hier das Auto verkratzt – dort ein Mensch beschimpft – oder auch tätlich angegriffen.

Und zu allem Überfluss – quasi der Zwang sich aktuell einen negativen Coronatest zu holen – um dann doch noch in den wohlverdienten Urlaub zu entschwinden – egal wohin: An die Nordsee – an die Ostsee – oder das europäische Ausland – Insel Kos in Griechenland zum Beispiel.

Nach viel und anstrengendem Arbeiten muss es endlich mal Erholung geben – Leben ohne Sorgen! So wie es Jesus in der Bergpredigt sagt: „Sorgt Euch nicht – um Euer Leben...“

Mir sind diese Worte vor gut 10 Jahren in einem Erzählbuch über „Jesus macht Ferien“ wieder so richtig ins Bewusstsein gefallen: Ich habe es danach zigmal weiterverschenkt – für alle urlaubsbedürftigen Freunde und Bekannte und Kollegen und Mitarbeiter: Immer mit einem frommen Spruch vorne Drin: „Sorge Dich nicht! Mach es wie Jesus: Fang an zu leben!“

Mittlerweile bin ich davon nicht mehr ganz so begeistert: Weil es so tut, als ob wirklich Leben nur im Urlaub passiert. Und wehe, wenn dann im Urlaub nicht alles passt: Also wenn der Service im Hotel nicht passt – oder die Ferienwohnung nicht hält, was die Fotos versprochen haben – oder im gemieteten Campingwagen nicht alles in Ordnung ist, sondern Reparaturen anfallen – oder wohlmöglich – Gott bewahre – unter den Mitreisenden Familienmitgliedern Streit und Krach aufkommt. Dann ist die wichtigste Zeit des Jahres dahin – kaputt – zerstört!

Kein Wunder, dass wir dann hektisch – Aufgeregt – oder auch aggressiv werden, weil uns die wichtigste Zeit des Jahres dann nicht das gibt, was wir doch so dringend brauchen: Erholung – Freiheit – Durchatmen – Leben ohne Druck und Hetze.

Ich habe das auch schon in meinen Urlauben gemerkt: Da versuche ich so krampfhaft – mich zu entschleunigen – all das zu tun, wozu ich sonst keine Zeit habe („ein gutes Buch lesen“), langsamer zu werden – dass all diese Versuche schließlich wieder zum Stress werden:

  • Sei es, dass ich mir zu viel Aktivitäten einplane
  • Urlaubsziele, die ich unbedingt noch sehen will
  • Oder einfach nur den inneren Druck spüre: „Jetzt lass doch mal locker!“ – das klappt bei mir nie!

Deshalb habe ich auch immer die Sorge, dass das, was Jesus hier in der Bergpredigt sagt: Es ist nicht wirklich zu realisieren! Weder im Urlaub noch im Alltag.

Der Schlüssel, der allerdings in diesen Worten Jesu steckt – ist das Finden von Gelassenheit und Geduld! Und in den Bildern von den Blumen auf den Feldern – und den Vögeln unter dem Himmel steckt viel Sanftheit – und auch Weite.

Und in den vielen Jahren, wo ich immer wieder gegen meine eigene Kraftlosigkeit ankämpfe, habe ich gemerkt, dass ich mit Geduld und Sanftmut und Weite eine ganz andere Kraftquelle entdecke, die mir ständig neu zugänglich ist.

Ich weiß, das klingt jetzt wie in diesen Lebensratgeber Büchern oder Zeitschriften. Aber tatsächlich können sanfte Worte mein Inneres befrieden – und schöne Musik meine Seele streicheln – und Stille kann mir zum Weg werden, wo ich vorher nur Gittern und Mauern gesehen habe.

Jesus sagt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird Euch alles andere zufallen.“

Auch das gehört zu den sanften Worten, die meine Seele berühren. Nicht nur aufregen, weil das halt in diesem verrückten Corona Jahr wahrscheinlich nicht bei allen klappt mit dem tollen Jahresurlaub! Sondern Gottes Reich suchen und finden – auch hier – in Steinhagen – mitten im Kreis Gütersloh. In schönen Bildern – in Gesprächen auf der Terrasse – bei den Ferienspielen am Dietrich Bonhoeffer Haus – in Geduld wiederentdecken – und in der Langsamkeit ankommen.

Bleibt behütet – und gesund – und hoffentlich ohne weitere negative Ausgrenzungserfahrungen!

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, halte Euren Verstand wach und Eure Hoffnung groß und er stärke Eure Liebe. Amen.

Ihre Pastorin Kirsten Schumann

Wochenspruch

Einer trage der anderen Last. So werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

(Gal 6,2)

Kirsten Schumann

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Geistlichen Impuls zum 28. Juni 2020

Sonntag, der 28. Juni 2020

Vergebung macht frei

Eigentlich hat man doch recht. Was passiert ist, war zutiefst verletzend. Man kann es nicht schönreden. Es lässt sich auch nicht ungeschehen machen. Aus und vorbei. Es bleiben Schuldzuweisungen, Vorwürfe zementieren die Trennung. Das war es also.

Doch ist damit wirklich alles aus? Warum ist mit dieser Haltung eigentlich nicht nur die Beziehung zu dem anderen gestört, sondern auch zu mir selbst? Das Problem hat unter der Hand ein ganz anderes Ausmaß angenommen. Hier setzt die Bitte Jesu aus dem Vater unser ein: "Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern" (Matthäus 6,12). Jesus stellt nicht die Schmerzen in Frage. Er sieht auch die Enttäuschung, die damit verbunden ist, den Zweifel, die Vorwürfe, die Schuldzuweisungen. Aber bei dieser Erfahrung soll es nicht bleiben. Der Blick soll nicht in der Vergangenheit festhängen, sondern wieder frei nach vorne gehen. Darum geht es in der Kraft der Vergebung.

Die Befreiung von Schuld ist bei Jesus ein großes Thema. Jesus heilte kranke Menschen, und vergab ihnen ihre Schuld. Das richtete sie auf, und sie fanden wieder den Weg ins Leben zurück. Das Harte und Kranke löst sich auf, Liebe kann wieder einziehen. Das Leben liegt wieder offen da. Vertrauen wird wieder möglich, weil man einander vergeben hat.

Der Bibeltext für den heutigen Sonntag staunt ebenfalls über die Macht der Vergebung. Hier ist es Gott, der den Menschen vergibt und der damit einen Neuanfang ermöglicht. In Micha 7,18-20 steht in der Übersetzung der Guten Nachricht:

18 Herr, wo sonst gibt es einen Gott wie dich? Allen, die von deinem Volk übriggeblieben sind, vergibst du ihre Schuld und gehst über ihre Verfehlungen hinweg. Du hältst nicht für immer an deinem Zorn fest; denn Güte und Liebe zu erweisen macht dir Freude.

19 Du wirst mit uns Erbarmen haben und alle unsere Schuld wegschaffen; du wirst sie in das Meer werfen, dort, wo es am tiefsten ist.

20 Den Nachkommen Abrahams und Jakobs wirst du mit Liebe und Treue begegnen, wie du es einst unseren Vorfahren mit einem Eid zugesagt hast.

Mein Wunsch für Sie heute ist: Wenn Gott uns die Schuld vergibt, wie uns im Bibeltext zugesagt wird, dann bitten wir ihn um die Kraft der Vergebung füreinander. Vielleicht so: Es tut mir leid. Ich vergebe dir. Bitte verzeih mir. Lass uns neu anfangen. In Liebe. 

Ihr Pastor Christhard Greiling

 

 

Wochenspruch

Der Menschensohn ist gekommen, Verlorene zu suchen und zu retten.

(Lukas 19,10)

Wort des Tages vom 11. Mai 2020

Also: Morgen, am 10. Mai ist es soweit: Auch im Kirchenkreis Halle feiern wir Wiedereröffnung unserer Kirchen am Sonntag Kantate. Allerorten laden wir wieder zu öffentlichen Gottesdiensten ein, nachdem ausgiebige Schutzkonzepte – mit behördlichem Siegel – umgesetzt worden sind.
Viele Beratungen, Telefonate, so manche Telefon- oder Videokonferenz ist dafür gebraucht worden.
Ausgerechnet an Muttertag fangen also auch die Kirchen mit dem Realisieren der Exitstrategien an – und natürlich fragen wir uns: Wie viele Leute werden wohl kommen? Mit eigener Schutzmaske! Aber ohne eigenes Singen! 

Wie wird die Kirche auf uns Wirken mit den demonstrativen Desinfektionsspendern und den vielen Piktogrammen und Zeichen, die uns Wegerichtungen aufzeigen? 

Bei allen Hygiene und Distanzmaßnahmen – eins finde ich bringt der Eifer um die Wiedereröffnung der Gottesdienste doch mit sich: Wir merken doch, wie kostbar die eine Stunde gemeinsamen Betens in der Gemeinde am Sonntag ist. Dass Gemeindeglieder mich anrufen und mir sagen, wie leid es ihnen tut, dass sie am Sonntag nicht in die Kirche kommen können – das ist schon ein Tag, den ich mir rot im Kalender eintrage. 

Und die ganz einfach zu findenden ehrenamtlichen Kirchendiener, die behilflich sind beim Auffinden der Plätze und beim Aufschreiben der Namen der Anwesenden – auch das, gehört zu den Lichtmomenten in diesen manchmal wirren Zeiten.

Wie viele werden kommen? Werden mehr als die erlaubten 46 Personen in die Dorfkirche hineinkommen wollen? Eins weiß ich ganz sicher: 
Wir machen sofort um 11.00 Uhr noch einen Gottesdienst – damit wirklich alle, die wollen in Gemeinschaft beten können – und auf Christus hören, der zu uns spricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will Euch erquicken.“

Aber Gottseidank – nach dem 10. Mai wird es am 17. Mai (Rogate) und am 24. Mai – und immer wieder einen Sonntag geben, an dem wir zur Kirche gehen können.


Kirsten Schumann

Pfarrerin in der Kirchengemeinde Steinhagen

Wort des Tages vom 04. Mai 2020

„Geschützt im Alter“ – deshalb: „Besuch verboten“. Neulich stand ich als Pastorin vor der Tür einer Wohngruppe für alte Menschen hier in Steinhagen. Am nächsten Tag wurde ein Bewohner 93 Jahre alt. Eine freundliche Pflegekraft kam an die Tür – wir beide hielten Abstand – beide mit Mundschutz. Wir erkannten uns, weil ich „früher“ öfter zu Gottesdienst oder zum Geburtstagsbesuch ins Haus kam. Und sie erklärte fast entschuldigend: „Sie dürfen aber nicht rein!“

Ich versicherte ihr, dass ich auch nur die Geburtstagspostkarte für den morgigen Geburtstag abgeben wollte und fragte, ob sie diese ihm weitergeben und vorlesen könnte. 

Bestimmt hat diese freundliche Altenpflegerin es auch getan. 

Aber bei mir blieb der Gedanke: Keine Seelsorge möglich – außer schriftlich – per Karte. Ich wusste: Der vor 93 Jahren geborene war vor seiner Pflegebedürftigkeit ein regelmäßiger Besucher im Gottesdienst der Dorfkirche. 

Ein Gebet – vielleicht ein Segenswort – eine kurze Berührung mit dem Kreuzzeichen – er hätte sich gefreut.
„Wir schützen, was wir lieben!“ Irgendwoher kommt mir dieser Werbeslogan in den Sinn. Und ich spreche mit den Familienangehörigen, die nicht mehr ihre Eltern, ihre Ehepartner, ihre Onkel und Tanten besuchen gehen dürfen im Pflegeheim, einfach weil es zu viel Gefahr und Ansteckungsrisiko mit sich bringt.
Geradezu zynisch veröffentlich der Tübinger Bürgermeister Boris Palmer am 28. April: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären - aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“

Gemeint ist die Tatsache, dass meisten Verstorbenen mit Covid -19 ein hohes Lebensalter aufweisen (über 80 Jahre) oder durch Vorerkrankungen ohnehin nur noch eine geringe Lebenserwartung gehabt hätten.
Im Hintergrund einer solchen Äußerung stehen die sozialdarwinistischen Gedanken vom Überleben der Starken und  die Selektion der Schwachen. 

Christus dreht das Verhältnis von Starken und Schwachen um: „Lass Dir an meiner Gnade genügen. Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2.Kor 12,9) 

Dieses Wort Christi sei allen gesagt – heute – Morgen – bis in Ewigkeit!


Kirsten Schumann, Gemeindepfarrerin der Ev. Kgm. Steinhagen



Geistlicher Impuls zu Karfreitag und Ostern

10. April 2020

Die notwendigen Schutzmaßnahmen gegen die Ausbreitung vom Corona-Virus erlauben keine Versammlungen, also auch keine Gottesdienste in der Osterzeit. Das Steinhagener Pfarrteam möchte mit Ihnen verbunden bleiben und hat deshalb für die Karwoche und Ostern, vom 05. bis 12. April, für jeden Tag geistliche Impulse erstellt. Bitte laden Sie sich die PDF-Datei auf ihren Computer herunter!

Wort des Tages vom 31. März 2020

Meine Zeit steht in deinen Händen

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Schreckensnachrichten um die Corona-Krise reißen nicht ab. Die Zahl der Infektionen steigt nach wie vor, es gibt immer mehr Sterbefälle. Die Atemschutzmasken werden knapp. Ein erstes Krankenhaus in Deutschland nimmt keine Patienten mehr auf. Viele sind schon infiziert – doch wie viele werden es noch werden? Die Telefonseelsorge erhält 50 Prozent mehr Anrufe. Auch die seelischen Belastungen nehmen zu. Wie wird das weitergehen? Wie kann man gesund bleiben? Wie soll man mit der Unsicherheit umgehen?

Eine helfende Antwort kann man in der Bibel finden, im alten Gebetbuch, im Psalter. Hier beschreiben Menschen schonungslos ihre verzweifelte Situation. In Psalm 31 werden wir Zeuge einer erschreckenden Situation, wenn es heißt: „HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst! Mein Auge ist trübe geworden vor Gram, matt meine Seele und mein Leib. Denn mein Leben ist hingeschwunden in Kummer und meine Jahre in Seufzen. Ich bin vergessen im Herzen wie ein Toter; ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß. Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“

Äußerlich und innerlich fühlt sich der Sprecher wie zerbrochen. Einsam, isoliert und totengleich, so elend ist ihm. Doch er findet die alles entscheidende Antwort: „Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Diese Antwort spürt er im Gebet. Gott ist nicht länger verborgen. Das lässt ihn ruhig und gelassen werden. Jetzt kann er wieder tief durchatmen. Insofern möchte dieser Psalm eine Anleitung sein. Es gibt im Leben Angst und Verzweiflung, doch sie sollen nicht das letzte Wort haben. Auch in Corona-Zeiten lässt sich Ruhe und Vertrauen finden. Frieden kann wieder einziehen, wenn Panik herrscht. Denn dieser Frieden beginnt von innen. Und schenkt Dankbarkeit und Zuversicht. Dazu möchte dieses Psalmwort ermutigen.

 

Pfarrer Christhard Greiling

Evangelische Kirchengemeinde Steinhagen

Wort des Tages vom 27. März 2020

Ist es eigentlich zu früh, nach dem zu fragen, was Covid-19 bei uns positiv verändert?

Also, gemeint ist jetzt nicht die alte Leier von: „Es wird schon zu etwas gut gewesen sein…“ – nein: Es geht darum, dass dieser Virus eine Veränderung bewirkt, die sowohl Licht als auch Schattenseiten hat!
Licht ist: Soviel Gemeinschaftsaktion und Hilfeangebote und Unterstützungsleistungen und Gemeinschaftsstiftende Zeichen – ich glaube, das habe ich noch nie in meinen 49 Lebensjahren erlebt. Und alles vollbracht durch Menschen, deren Nöte auch groß sind: Finanzsorgen, Existenzängste, Überlebensängste. Das ist der Schatten des Covid-19! Und finster wird es jetzt schon dort, wo Menschen schon immer auf eine funktionierende Solidarität angewiesen waren – die Menschen, die auf die Tafel zum Beispiel angewiesen sind – um nur ein Beispiel zu nennen!
Hier müssen wir nicht nur gemeinsam hinschauen, sondern wir können auch Handeln: Ja richtig – mit Geld! Denn gerade in diesen Tagen geht es um das konkrete Tun:
Beten – ja klar!
Glocken läuten – Natürlich!
Und jetzt spenden!
Kirche war schon immer ein bisschen unverschämt, wenn es um das Spenden ging! Und vielleicht hat die Kirche sogar den Auftrag, andere daran zu erinnern, worauf es jetzt ankommt. Christus sagt: „Was ihr einem von diesen geringsten Brüdern (oder Schwestern) getan habt – das habt Ihr für mich getan!“ (Matthäus, Kapitel 25, Vers 40)
Und wer weiß, vielleicht verändert das am Ende unser Leben, unsere Einstellungen, unser Handeln!
Und wie verändert Covid – 19 unsere Kirche, unseren Glauben? Darüber sollten wir mal alle mehr nachdenken! Vor der eigenen Türe kehren! Es ist ja immer noch Passionszeit – Zeit der Umkehr! Helfen wir uns gegenseitig! Damit unsere Gebete und Gemeinschaftszeichen glaubwürdig sind! 

 

Kirsten Schumann

Pastorin in Steinhagen

Wort des Tages vom 19. März 2020

Auf soviel verzichten – nur nicht auf Kraft, Liebe und Besonnenheit

In diesem Jahr lerne ich sehr viel über Verzicht. Denn wir müssen gerade auf so vieles verzich­ten: Freizeitangebote, soziale Kontakte, Freiheiten. Die viele Zeit Zuhause – für manche kaum erträglich – schon jetzt. Aber es gibt auch andere Mo­mente: Gestern erzählte mir jemand am Telefon: „Da saßen wir mit unseren Kindern auf dem Balkon in der Frühlingssonne, hörten ein Hörspiel und haben miteinander gekuschelt.“ Wann hatten wir eigentlich das letzte Mal so viel Zeit miteinander? Ohne dass wir etwas erledigen mussten. Ohne von einem Termin zum nächsten zu hetzen. Ohne am Wochenende etliche Besuche bei Großeltern und Freunden abzuarbeiten. Diese Zeit des Verzichts, sie ist auch irgendwie geschenkte Zeit. Zumindest manchmal.

Denn im nächsten Moment sind da wieder die Sorgen: Wird es allen gut gehen? Werden alle unsere Liebsten gesund bleiben? Wie lange wird das alles dauern? Und wie geht es beruflich und finanziell weiter? Auch das bekommen unsere Kinder mit, selbst wenn wir versuchen, all das von ihnen fernzuhalten.

Für die nächsten Wochen möchte ich Ihnen einen Bibelspruch mitgeben, der mir derzeit sehr hilft: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2Tim 1,7) Das wünsche ich Ihnen: Dass Sie sich nicht gefangen fühlen in Angst und Sorge, sondern dass Gott Ihnen die Kraft schenkt, miteinander dieser unruhigen Zeiten zu überstehen. Dass Gott Sie die Liebe spüren lässt, die uns mit Menschen verbindet, die wir gerade nicht persönlich treffen können. Und dass Gottes Geist uns allen die Besonnenheit gibt, für uns und unsere Familien gute und richtige Entscheidungen zu treffen.

 

Kirsten Schumann

Pastorin in Steinhagen

Erreichbarkeit der Pfarrerinnen und Pfarrer

Als Pfarrerinnen und Pfarrer bleiben wir auch in den Zeiten der Corona-Krise telefonisch und per E-Mail für Sie erreichbar. Unsere Kontaktdaten finden Sie hier.